Tagungsbericht: „Christoph Schlingensief und die Avantgarde“

Kurzfassung des Tagungsberichtes: „Christoph Schlingensief und die Avantgarde“

Den ganzen Bericht finden Sie hier.

„Avantgarde – Marmelade“[1] – gemäß dieses Diktums setzten sich auch die Vortragenden und Mitdiskutanten aus einzelnen Repräsentanten verschiedener Fachrichtungen zusammen, deren interdisziplinäre Beiträge sich zu einem frucht-baren Gesamteindruck formierten. Eine darauf aufbauende Publikation, welche die multiperspektivischen Ansätze der weiteren Schlingensiefforschung zugänglich wird, ist bereits in Entstehung.

Über die Verzahnung der Fachbereiche der Theater- und Musikwissenschaft, der Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte hinaus war es eine große Bereicherung, nicht nur Zeitzeugen sondern auch geschätzte Kollegen und Weggefährten Schlingensiefs in das somit wahrlich interdisziplinäre Kolloquium aktiv miteinbinden zu können.

Vor diesem Hintergrund ergaben sich auch verschiedene Formate der Diskussion (Fachvorträge, Narrationen und Reflexionen sowie ein Filmvortrag), welche – unbeabsichtigt Schlingensiefs multimediale Arbeitsweise imitierend – danach strebten ein umfassendes Bild Schlingensiefs Bezüge zu den (historischen) Avantgarden zu zeichnen. Dazu im Folgenden ausgewählte Quintessenzen[2]:

***

1) Schlingensief hat sich während deines gesamten Schaffens sowohl direkt als mitunter auch indirekt auf wichtige Figuren der Avantgarde berufen: auf die Dadaisten, die Surrealisten, die Wiener Aktionisten und insbesondere auf Joseph Beuys. In seiner Performance Zweites Surrealistisches Manifest von André Breton – Tötet Helmut Kohl, 1996 offenbart Schlingensief jedoch einen Punkt, an dem er sich von den Surrealisten stark unterscheidet. Es handele sich hier mehr um eine besondere Verwendung von André Bretons Manifest, im Sinne eines Versuches der Strapazierfähigkeit der Grenzen von Kunst und Leben (Anna Teresa Scheer).

2) Die Berichte der Weggefährten Schlingensiefs lieferten einige relevante Hinweise zu Schlingensiefs Beziehung zu den Avantgarden: der Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt erklärte, wie Schlingensief die „Zerstörung der normativen Schauspielleistung zugunsten von Spontaneität und Improvisation abzielte“. Schlingensief sei sogar, Jörg van der Horst zufolge, ein Avantgardist seiner Selbst: er bediene sich Elemente seiner früheren Arbeiten um sie collagengleich in neuen Werken wieder einzufügen. Im Bereich der Musik zog der Komponist Arno Waschk eine Parallele mit der Arbeit von John Cage: Schlingensief setzte sich auch intensiv mit dem Faktor Zufall auseinander, selbst wenn die beiden Künstler ihn anders in ihren Werken einsetzeten.

3) Anhand des Beispiels von Tunguska, die Kisten sind da wurde nachvollziehbar gemacht, wie Schlingensief durch die Verschmelzung von Kunst und Leben nach einer radikale Autonomie der Kunst strebte (Lore Knapp). Wenn Schlingensief die Praxis von anderen Avantgarde Künstlern wie Friedrich Kiesler wieder aufnehme, führe er dessen „Avantgarde-Tradition“ weiter: mit der Öffnung der Guckkastenbühne, der Bewegung der Zuschauer/innen und der Orientierung an Bewegungsformen der Alltags-und Trivialkultur (Teresa Kovacs). Aus der Perspektive des Re-Enactments der Wiener Aktionisten betrachtet, ist das Werk von Schlingensief besonders relevant: er befrage tatsächlich auf seine eigene Art die Geschichtlichkeit der Kunstprogramme der Neo-Avantgarden (Jasmin Degeling).

4) Durch seine innere Selbstreflexivität könne das Werk von Schlingensief eine Avantgarde Komponente beinhalten: durch seine ständige Beschäftigung mit der Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst (Anna Tessa ZAHNER).

Hélisenne Lestringant/Ella Platschka
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[1] Aus: Der Zwischenstand der Dinge, 2008
[2] Eine ausführliche Übersicht sämtlicher Beiträge ist der ungekürzten Fassung des Tagungsberichtes zu entnehmen.

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